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Ergebnispapier von BMBF-Forschungsprojekten zum Thema Ernährung

Dieses Diskussionspapier skizziert Handlungsansätze für politische EntscheidungsträgerInnen zur Förderung von nachhaltigen Ernährungssystemen in Deutschland. Es basiert auf den Ergebnissen aus sechs BMBF-Projekten, die sich im Rahmen der Fördermaßnahme „Nachhaltiges Wirtschaften“ (im Rahmen der Sozial-Ökologischen Forschung SÖF) mit nachhaltiger Ernährung befassten.

Die ForscherInnen definieren nachhaltige Ernährung als
(a) umweltfreundlich, durch Förderung der biologischen Vielfalt sowie Wasser-, Boden- und Klimaschutz in allen Wirtschaftsbereichen, v.a. in der Landwirtschaft und durch die Reduktion von Lebensmittelverlusten.
(b) gesundheitsfördernd i.S.v. körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden sowie mehr Lebensqualität.
(c) ethisch verantwortlich, d.h. sozial gerecht und fair gehandelt sowie dem Tierwohl verpflichtet.
(d) alltagsadäquat gestaltet, so dass sich alle KonsumentInnen mit alltäglichen Routinen nachhaltig ernähren können.
(e) soziokulturelle Vielfalt ermöglichend und sozialverträglich in allen Schichten der Gesellschaft umsetzbar.
(f) ökonomisch tragfähig und somit langfristig im Wettbewerb bestehend.

Im Fokus der Forschung standen bei diesen Projekten vor allem gesellschafts-, umwelt- und agrarpolitische Fragen sowie Fragen zur Bedeutung und Beeinflussbarkeit von KonsumentInnenverhalten und die nachhaltige Ausgestaltung des Handlungsfeldes Umwelt-Ernährung-Gesundheit. Weiterhin wurde zur Ernährungsbildung über Lebensmittelverschwendung bis hin zu städtischen Ernährungssystemen geforscht.

In vier Handlungsfeldern wurden Ideen für politische Handlungsansätze zur Gestaltung und Umsetzung nachhaltiger Ernährungssysteme erarbeitet:

1. Schaffung geeigneter politischer und finanzieller Rahmenbedingungen für nachhaltige Agri-Food Systeme
Die politischen Rahmenbedingungen für einen fairen Wettbewerb und nachhaltige Produktionsbedingungen sollten insbesondere durch die Internalisierung externer Kosten verbessert werden. Eine zentrale Rolle spielt hier die EU-Agrarpolitik. Förderlich sind dabei der Ausbau und die Unterstützung alternativer, nachhaltiger Produktionsformen wie solidarische Landwirtschaft, Direktvermarktung und kooperative Ernährungsnetzwerke. Eine langfristige Sicherung der Nutzflächen für nachhaltige Wirtschaftsweisen ist ebenso wichtig wie regionale Vermarktungsstrukturen und fairer, transparenter Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen. Zudem sollte eine nationale Landwirtschafts- und Ernährungsstrategie partizipativ erarbeitet werden, die die verschiedenen Interessen und Ziele der Ernährungswirtschaft und Ernährungskultur zusammenführt (Umweltschutz, Tierschutz, Gesundheit, Vermeidung der Lebensmittelverschwendung, Reduktion des Fleischkonsums, Ernährungsbildung etc.). Öffentliche Einrichtungen könnten durch nachhaltige Beschaffung diesen Prozess unterstützen.

2. Zusammenarbeit vielfältiger Akteure zur ganzheitlichen Strategieentwicklung
Um die Komplexität der Anforderungen an eine gesunde und nachhaltige Ernährung abzudecken, wird die Erarbeitung einer bundesweiten Strategie zu nachhaltiger Ernährung angeregt. Diese sollte unter frühzeitiger Einbindung von Praxisakteuren und zivilgesellschaftlichen Initiativen, wie z.B. Ernährungsräten erfolgen. Dialoge und Kooperationsformen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis zum Verzehr sind notwendig, um z.B. Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Dabei spielt die Zusammenarbeit zwischen städtischen und ländlichen Akteuren eine entscheidende Rolle, die es u.a. für den Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten zu fördern gilt.

3. Kompetenzen stärken
Qualifikation und Weiterbildung von Fachkräften, u.a. KöchInnen, SchulverpflegerInnen, Ein- und VerkäuferInnen in Unternehmen und im Lebensmitteleinzelhandel sind essenziell für die Umsetzung nachhaltiger Wirtschaftsweisen. Aber auch die Verbraucherkompetenzen sollten durch Schulen und Erwachsenenbildung gestärkt werden. Neben der Ernährungsbildung in schulischen Rahmenlehrplänen ist die Nutzung außerschulischer Lernorte bei sozialen Innovatoren und transformativen Unternehmen für erfahrungsbasiertes Lernen zu empfehlen.

4. Bewertungsmodelle für nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme etablieren
Für nachhaltige Agrar- und Ernährungssysteme sollten auf Basis der Sustainable Development Goals (SDGs1) und unter Beteiligung der relevanten Stakeholder Bewertungsmodelle weiterentwickelt werden. Nachhaltigkeits-Tools zur Selbstkontrolle und zur Optimierung von Prozessen müssen praxistauglich gestaltet sein und durch Fortbildung der NutzerInnen flankiert werden. Grundlage der Bewertung ist eine fundierte und transparente Datengrundlage, die kontinuierlich aktualisiert wird und frei verfügbar ist. Dazu zählt auch die Durchführung eines kontinuierlichen Monitorings der Lebensmittelproduktion und -verluste.

Neben den vier genannten Handlungsfeldern wurde prioritärer Forschungsbedarf in fünf Bereichen identifiziert:

  • Weiterentwicklung, Harmonisierung der Datenauswertung und praxisgerechte Aufarbeitung von Messinstrumenten.
  • Kontinuierliche Evaluation politischer Ziele, etwa im Bereich der nachhaltigen Beschaffung.
  • Analyse von Barrieren und Erfolgsbedingungen nachhaltiger Ernährungssysteme.
  • Einbezug von Praxisakteuren aus allen Teilen der Wertschöpfungskette. Analyse der Kommunikations- und Kooperationsprozesse zwischen den verschiedenen Akteuren.
  • Weiterentwicklung geeigneter Vermittlungsmethoden von Nachhaltigkeitskompetenzen, um Forschungsergebnisse und Instrumente in die Arbeitsweise, (Kommunikations-)Strukturen und Routinen der relevanten Akteure zu integrieren.
Herausgeber: 
NaWiKo
Jahr: 
2018
Zu zitieren als: 

Wunder, S.; Antoni-Komar, I.; Claupein, E.; Dirksmeyer, W.; Eberle, U.; Friedrich, S.; Hafner, G.; Hoffmann, S.; Joerß, T.; Langen, N.; Quack, D.; Schmidt, T.; Schmid, M.; Schulze-Ehlers, B.; Speck, M.; Teitscheid, P.; Teufel, J.; Waskow, F. (2018). Handlungsansätze zur Förderung nachhaltiger Ernährungssysteme. Ergebnispapier von BMBF-Forschungsprojekten zum Thema Ernährung. NaWiKo-Synthesepapier.