hintergrundbild

Der Begriff Voluntary Simplifiers ist in der aktuellen Forschung zum nachhaltigen Konsum zunehmend häufiger zu finden. Er ist aber schon 80 Jahre alt und wurde 1936 von Richard Gregg geprägt, einem Sozialphilosophen und Studenten Mahatma Ghandis. Als Voluntary Simplifers wurden damals Menschen bezeichnet, die freiwillig weitgehend auf Besitz und Konsum verzichteten, um ein Leben in Einfachheit zu führen und sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Feste Regeln sollte es dabei nicht geben, denn jeder sollte selbst entscheiden, was ihm wichtig oder nicht wichtig ist im Leben. Heute wird dieser Begriff insgesamt für Personen verwendet, die sich freiwillig und selbstbestimmt für einen reduzierten Konsum entscheiden.

Mit dieser Haltung scheinen Voluntary Simplifiers prädestiniert zu sein für einen nachhaltigenLebens- und Konsumstil. Die im international renommierten Journal of Business Research im Januar 2017 publizierte Studie „The role of sustainability in profiling voluntary simplifiers“ hat nun untersucht, wie viele Personen in Deutschland als Voluntary Simplifiers bezeichnet werden können, welches die Gründe dafür sind und wie nachhaltigkeitsorientiert sie tatsächlich leben. Dafür werteten die Wissenschaftler*innen mittels einer neuartigen, innovativen Analysemethode repräsentative Daten der Gesellschaft für Konsumforschung zur Höhe des Haushaltseinkommens sowie zum Besitzstand von langlebigen Gebrauchsgütern (z. B. Pkw, Smartphones, Computer etc.) von insgesamt 1458 Personen aus. Es zeigte sich, dass fünf Gruppen mit unterschiedlichen Konsumstilen identifiziert werden konnten. Neben den Voluntary Simplifiers sind dies die Well-off Consumers (Einkommen und Besitz überdurchschnittlich hoch), die Over-Consumption Consumers (überdurchschnittliches Einkommen und extrem hoher Besitz), sowie die Less Well-off Consumers und die Poor Consumers (unterdurchschnittliches Einkommen und wenig Potenzial zur Konsumeinschränkung).

Entscheidendes Merkmal der Voluntary Simplifiers ist, dass sie ihren Konsum bewusst und aus freiem Willen reduzieren und nicht wegen finanzieller Nöte. Obwohl sie über das zweithöchste Haushaltseinkommen der fünf Gruppen verfügen, ist ihr Besitzstand an langlebigen Gebrauchsgütern am zweitgeringsten. Voluntary Simplifiers sind geprägt von einer universalistischen Werthaltung, d. h. sie sehen sich als Teil der Natur und der Weltgesellschaft, für deren Erhalt sie eintreten. Deshalb haben sie auch ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Darüber hinaus zeichnet sie, wie es erwartet werden konnte, eine positive Einstellung zu einem einfachen, nicht über die eigenen finanziellen Verhältnisse hinausgehenden Leben aus. Voluntary Simplifiers ziehen zwar oft umweltfreundliche, nicht aber Fairtrade-Produkte konventionellen Produkten vor. Der Grund dafür ist die nicht-materialistische Orientierung dieser Personen und der damit verbundene einfache, an weniger Konsum ausgerichtete Lebensstil. Das Bewusstsein der Voluntary Simplifers, dass weniger Konsum ein Mehr an persönlicher Lebensqualität bedeutet, ist stärker mit Ressourcen sparenden und ökologischen Aspekten verbunden als mit solchen der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit.

In der die Studie abschließenden Diskussion weisen die Wissenschaftler*Innen darauf hin, dass sich die Nachhaltigkeitsdebatte nicht nur auf die Nachfrage nach umweltverträglichen Gütern beschränken darf. Konsumgüter hätten auch einen „sozialen Nachhaltigkeitskranz“, der gleichwertig neben der ökologischen Qualität beachtet werden müsse. Dennoch, auch sozialer und ökologischer Konsum verbraucht knappe Ressourcen. Insofern ist es heute wichtiger als je zuvor, Möglichkeiten der Konsumminimierung bei gleicher oder sogar höherer Lebensqualität in die Diskussion einzubringen. Nur davon wollen insbesondere die vielen „Wachstumsprediger“ nichts hören. Wachstum ist aber nicht nur eine Frage der Quantität, sondern auch eine der Qualität. Die Wirtschaft, und was noch wichtiger ist, die Lebenszufriedenheit der Menschen können wachsen auch und gerade dann, wenn der quantitative Konsum reduziert wird.

 

Journal: 
Journal of Business Research
Jahr: 
2017
Zu zitieren als: 

Mathias Peyer, Ingo Balderjahn, Barbara Seegebarth, Alexandra Klemm: “The role of sustainability in profiling voluntary simplifiers”. Journal of Business Research, Volume 70, January 2017. http://dx.doi.org/10.1016/j.jbusres.2016.07.008